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Zeit der Pilze
   
 
 

 
 


Copyright by Birgit Mulflur

Dies ist ein Auschnitt aus dem Buch unseres Dobermannes Wotan:

Zeit der Pilze

Das Laub raschelt unter meinen Pfoten, während ich über den weichen Waldboden laufe. Herrchen und Frauchen sind ein paar Meter hinter mir. Der viele Regen der letzten Tage hat die Pilze gewaltig wachsen lassen. Manche sehen aus wie kleine Igel und dann gibt es welche die stauben schrecklich wenn ich darauf trete. Ich muss ständig niesen weil es so in der Nase kitzelt. Es riecht nach Wald, moosig und faulig, aber gut.

Heute ist es endlich wieder mal trocken und die Sonne scheint. Herrchen und Frauchen unterhalten sich und kümmern sich nicht sonderlich um mich. Ich schnüffele meinen Lieblingswaldweg nach einem neuen Geruch ab. Nichts, nur die üblichen Wildspuren, die ich leider nur unter Strafe verfolgen darf. Der Wald sieht heute richtig freundlich aus. In den letzten Tagen hing der Nebel in den Bäumen, durch den Regen war mein Fell ständig nass und es war dunkel und unheimlich. Ich mag es nicht, wenn ich nass bin. Der Regen läuft mir in die Ohren und ich muss mich ständig schütteln, damit ich noch was hören kann.

Ich bleibe stehen und warte auf die Beiden. Frauchen freut sich, Hallo Wotan, wartest Du auf uns, sagt sie. Na, auf wenn sonst, denke ich, ist ja weit und breit niemand zu sehen. Als die beiden bei mir angekommen sind, streichelt Frauchen mir durchs Fell. Komm Wotan, sagt sie, geh mal eine Weile Fuß mit uns. Das war mir klar, kommt man ihnen einmal entgegen, schon wird man bestraft. Fuß gehen hasse ich wie die Pest. Ich trotte neben Herrchen her. Herrchen lobt mich und erlöst mich dann auch gleich. Er nimmt einen Ast vom Waldboden auf, ich setze mich erwartungsvoll vor ihn. Pass auf Wotan, ruft er, und schon fliegt das Stöckchen weit durch den Wald. Ich rase hinter dem Ast her und fange ihn noch im fliegen auf. Den Ast im Maul laufe ich vor den Beiden her.

Als ich um die nächste Kurve komme, kommt etwas großes Schwarzes pfeilschnell auf mich zugeschossen. Ich lasse meinen Ast fallen. Hallo, Fanko, rufe ich, wo hast Du den Dein Herrchen gelassen. Kommt weiter hinten keucht er. Er schmeißt sich vor mich hin und wir begrüßen uns liebevoll. Fanko ist mein bester Freund. Ich kenne ihn schon als er noch ein ganz kleines Baby war. Zur Begrüßung lecke ich ihm die Stirn. Als er wieder etwas mehr Luft bekommt, fangen wir beide an zu toben. Er begrüßt Herrchen und Frauchen liebevoll, zu liebevoll wie ich meine. Sofort bekommt er eine mit der Pfote von mir. Wir spielen nachlaufen, immer im Kreis um Herrchen und Frauchen herum. Robert, Fankos Herrchen ist mittlerweile auch da. Er ist etwas jünger als meine beiden. Wir treffen ihn und Fanko oft im Wald. Robert hat Jeans an und trägt ein rotes kurzärmeliges T-Shirt. Seine schwarzen Haare sind nach hinten gekämmt. Die Menschen unterhalten sich und beachten uns nicht weiter. Nachdem wir uns richtig ausgetobt haben, lassen wir uns Seite an Seite neben den Zweibeinern nieder.

Robert hat in der Hand einen Korb. Frauchen bewundert gerade seinen Inhalt. Ich höre wie sie zu ihm sagt, meinst Du die kann man alle essen. Robert lacht, natürlich sagt er, ich sammle schon seit vielen Jahren Pilze und kenne sie alle. Bis jetzt sind sie mir immer noch sehr gut bekommen. Frauchen ist ganz neidisch, ich wünschte ich könnte auch giftige von essbaren Pilzen unterscheiden, sagt sie. Aber ich kann wahrscheinlich noch nicht mal einen Fliegenpilz von einem Pfifferling unterscheiden.

In der letzten Zeit begegnen uns auf unseren täglichen Spaziergängen ständig Menschen mit Körben. Alles Pilzsammler sagt Frauchen. Bei diesem Wetter wachsen die Pilze wie Gras aus der Erde. Sogar auf den Waldwegen stehen rechts und links riesige, große Tellerpilze, sie sehen aus wie kleine Schirme. Frauchen sagt, die sind alle giftig. Fanko und ich trotten hinter unseren Menschen her. Fanko ist ein kleines bisschen höher als ich. Er trägt mein Stöckchen nun im Maul. Ich verstehe das mit den Pilzen auch nicht, sagt er. Wenn die Dinger wenigstens noch schmecken würden, und dabei lässt er das Stöcken achtlos aus dem Maul auf den Boden fallen, aber ich habe neulich welche versucht und mir hat sich fast der Magen herum gedreht. Außerdem hat man durch diese blöden Pilze jetzt nicht mal mehr im Wald seine Ruhe. Ständig laufen Leute kreuz und quer hier herum und ich muss dann Fuß bei meinem Herrchen gehen, bis die Menschen wieder verschwunden sind. Freudig sieht er mich an, gestern hatte ich ein tolles Jagderlebnis. Fast hätte ich das schwarze Katzenvieh von gegenüber erwischt. Jedenfalls habe ich der einen mächtigen Schrecken eingejagt. Ich habe sie schon von weitem auf der Mauer vom Nachbargrundstück sitzen sehen. Es hat lange gedauert, bis sie mich bemerkt hat. Fast wäre es für sie zu spät gewesen. Die ist losgerannt als wäre der Teufel hinter ihr her. Trotz aller Anstrengungen habe ich sie leider nicht einholen können. Schade ich hätte bestimmt viel Spaß mit der bekommen. Wenn der wüsste, dass ich mit so einem Biest in einem Haus zusammenleben muss, würde der nie mehr im Leben ein Wort mit mir reden, denke ich.

Er schüttelt sein langes samtiges Fell, das die Haare fliegen. Aus seinen braunen Augen sieht er mich an, was ist Alter, wollen wir noch eine Runde raufen und schon stürzt er sich auf mich.

Als wir bei den ersten Häusern angekommen sind, verabschiedet sich Fanko von mir. Hier trennen sich unsere Wege immer. Fanko geht mit Robert links den Weg herunter und wir müssen nach rechts. Die Sonne brennt immer noch ganz schön auf mein Fell. Ich bin froh als ich endlich in meinen kühlen Flur komme. Ich schmeiße mich auf die kühlen Fliesen. Omi

kommt aus dem Wohnzimmer und sagt, Na, Du bist ja wieder ganz schön fertig. Die viele Sonne bekommt Dir wohl nicht, aber Du kannst Dich freuen, gleich kommt Deine Freundin. Damit kann sie nur Bärbel meinen. Ich hebe meinen Kopf und horche, ob ich sie schon kommen höre.

Bärbel kommt jede Woche zwei bis dreimal um mich zu besuchen. Sie ist ein großer Fan von mir. Bärbel ist genauso groß wie Frauchen und auch blond. Natürlich hält sie bei der Gelegenheit auch mit der Omi ein Schwätzchen. Ich laufe vor die Haustür und warte dort auf sie. Als sie endlich kommt, begrüße ich sie stürmisch. Sie freut sich diebisch, als ich ihr durchs Gesicht lecke und sie anspringe. Na Du kleiner Frechdachs, warst Du schon spazieren, fragt Sie mich. Wie immer hat Sie mir ein Geschenk mitgebracht. Ich suche sofort in Ihren Taschen und finde es auch gleich. Diesmal ist es ein kleiner Kauknochen. Ich vereinnahme ihn und lasse sie dann zur Omi ins Wohnzimmer.

Die beiden unterhalten sich über den neusten Dorfklatsch. Ich liege auf dem Teppich und bearbeite meinen Kauknochen. Bärbel sitzt im Sessel und streichelt mir über das Fell, während sie mit Omi spricht. Frauchen kommt herein und setzt sich zu uns. Was hält‘s Du von einem deftigen Pilzabend, fragt sie Bärbel. Die esse ich für mein Leben gern, sagt Bärbel. Heinz und ich wollen gerne mal in die Pilze gehen, wir kennen uns aber nicht damit aus, aber Du kennst doch Pilze, kannst Du nicht mal mit uns gehen? Bärbel ist begeistert, natürlich, gerne sagt sie. Wann wollen wir denn gehen? Frauchen überlegt kurz und sagt, vom mir aus können wir Morgen schon gehen. Der Wotan freut sich bestimmt auch, wenn Du mitgehst. Morgen ist Samstag, da haben wir dann auch etwas mehr Zeit. Bevor Frauchen wieder nach oben geht, verabreden sich die beiden für Samstagnachmittag.

Udo kommt müde von der Schicht nach Hause. Er schmeißt seine Tasche im Flur in die Ecke. Nachdem er sich im Bad kurz die Hände gewaschen hat, geht er in die Küche. Tach, ruft er kurz seine Mutter Sybille zu. Die kleine dunkelhaarige Frau dreht sich zu ihm um, Hallo Udo, hast Du schon Hunger, fragt sie. Nein, ich habe heute Mittag in der Kantine was bekommen. Was gab es denn? Hühnerbrust auf Reis mit Salat, antwortet Udo. Aber Junge, ich habe doch extra heute für Dich Pilze gesammelt und gleich gibt es eine frische Pilzpfanne. Also Mutter, seit dem ich wieder bei Dir wohne, glaubst Du wohl Du müsstest mich mästen. Bei meiner ehemaligen Frau bin ich auch nicht verhungert und die hat nicht jeden Abend für mich extra gekocht. Ja, ja, dass weiß ich doch, deswegen warst Du mit der ja auch nicht glücklich, verrät ihm seine Mutter. Udo lacht, Du bist wie alle Mütter, einfach unverbesserlich. Aber ich will jetzt wirklich nichts essen. Ich lege mich eine halbe Stunde aufs Ohr und gehe dann noch mal weg. Seine Mutter zieht die Augenbrauen in die Höhe, hast Du wieder eine Freundin, fragt Sie neugierig? Er grinst, ich glaube nicht das Dich das was angeht, ich bin mittlerweile Ende Vierzig und habe selbst drei Kinder, da brauche ich Deine Fürsorge nicht mehr unbedingt. Bleibst Du über Nacht weg oder kommst Du wenigstens zum Schlafen wieder her, fragt Sie beleidigt. Das weiß ich noch nicht, Du wirst es Morgen früh schon sehen. Als Udo sich eine Stunde später in seinen Wagen setzt weiß er noch nicht, dass ihn seine Mutter nie mehr wieder sehen wird.

Am nächsten Morgen strahlt immer noch die Sonne vom Himmel. Klaudia kommt und macht mit Frauchen das Haus sauber. Samstags ist immer bei uns was los, wenn Frauchen und Klaudia durchs Haus fegen. Mir ist das sehr recht. Unter der Woche, wenn ich mit der Omi alleine bin, dann ist es manchmal schon recht langweilig.

Wir holen Bärbel am Nachmittag zu Hause ab. Sie wohnt nur zwei Häuser über uns. Frauchen hat jetzt auch einen Korb dabei, wie alle diese Pilzsammler. Nachdem wir im Muttert“ sind, gehen wir nicht wie sonst auf dem Waldweg weiter, sondern laufen querfeldein durch den Wald, dass gefällt mir. Es geht Berg hoch und Berg runter. Herrchen und ich sind meistens etwas vor den beiden Frauen. Ständig bleiben die beiden stehen und bücken sich um Pilze in ihren Korb zu legen. Bärbel sagt, man darf die Pilze nie ausreisen, sondern immer nur mit dem Messer abschneiden, damit sie im nächsten Jahr wieder wachsen können.

Ich schnüffele in der Zwischenzeit den Waldboden ab. Wir sind jetzt schon eine ganze Zeitlang unterwegs. Auch Herrchen betätigt sich an der Suche nach den Pilzen. Ich rieche hin und wieder an einem, aber ich muss ständig niesen, die riechen einfach zu stark.

Jetzt, Ende September hat der Wald noch recht viel Laub an den Bäumen. Herrchen und ich sind schon ziemlich weit voraus gelaufen. Wenn ich mich umdrehe, kann ich die beiden Frauen vor lauter Blättern kaum mehr sehen. Der Korb der beiden ist jetzt recht voll. Ich grabe zwischendurch hier und da mal im Waldboden nach Mäusen. Manchmal erwische ich dabei eine, aber heute scheine ich kein Glück zu haben.

Plötzlich ruft Frauchen, Heinz, komm schnell mal. Ich höre schon an Ihrem Tonfall dass irgendwas nicht stimmt. Sofort bin ich bei Ihr. Mir stellt sich das Fell und ich knurre laut. Bärbel und Frauchen gucken angewidert auf einen kleinen länglichen Gegenstand der zwischen Ihnen auf dem Waldboden liegt. Ich beschnüffele das Ding von allen Seiten. Es riecht nach Verwesung und sieht aus wie ein abgebrochener Ast. Das Ding ist blauschwarz, nur vorne an der Spitze ist es etwas heller und ganz hart. Ich stupse es mit der Schnauze an. Es bewegt sich nicht. Mit der Pfote gebe ich ihm einen Stoß. Schon kullert es den leicht abschüssigen Hang hinab. Frauchen schreit entsetzt auf, Wotan, las das. Herrchen holt ein Taschentuch aus der Tasche und hebt das Ding damit auf. Frauchen guckt Herrchen an, was meist Du was das ist, fragt Sie ihn. Herrchen antwortet, ich würde sagen, das war mal ein Daumen, wahrscheinlich von einem Waldarbeiter, der hier einen Unfall hatte.

Frauchen und Bärbel werden ganz weiß im Gesicht. Das kann schon mal passieren, sagt Herrchen, wenn man mit der Säge einen Daumen abtrennt, dann fliegt der schon mal einige Meter in den Wald rein. Bestimmt hat man danach gesucht, aber das Ding nicht mehr gefunden. Heut zu Tage kann man so was doch wieder annähen lassen, wenn nicht zuviel Zeit zwischen dem Unfall und der Operation liegen.

Ich schnüffele in der Zwischenzeit den Boden um die Fundstelle herum ab, kann aber außer dem starken Verwesungsgeruch nichts wahrnehmen.

Bärbel guckt angewidert auf das Taschentuch, in dem der Fund jetzt verborgen ist. Herrchen sagt, am besten nehmen wir das Ding mit und bringen es gleich zur Polizei. Mein Frauchen scheint von dieser Idee nicht begeistert zu sein. Herrchen bindet mich an einem Baum fest und fängt an den Waldboden systematisch zu untersuchen. Komisch, hier gibt es sonst überhaupt keine Blutspuren. Der Mensch der den Unfall hatte, muss doch viel Blut verloren haben, ich kann das überhaupt nicht verstehen, sagt er.

Ziemlich geschockt verlassen die Menschen den Wald. Herrchen fährt auf direktem Wege zur Polizei nach Dillenburg. Frauchen, Bärbel und ich warten im Wagen. Es dauert ziemlich lange bis Herrchen zurückkommt. Komisch sagt er, die Polizisten wissen nichts von einem Unfall im Medenbacher Wald. Den Daumen bin ich trotzdem losgeworden. Die haben das Ding jetzt erst einmal in den Kühlschrank legen müssen, aber das ist jetzt nicht mehr unsere Problem.

Zuhause erzählt Frauchen Omi von dem schrecklichen Ding, das sie und Bärbel gefunden haben. Omi glaubt auch, dass so etwas schon einmal bei Waldarbeitern passieren könnte. Aber normalerweise spricht sich das sofort in so einen kleinen Dorf herum. Das ist schon komisch, sagt sie. Omi hängt sich gleich ans Telefon und ruft Ihre Schwester an. Die weiß eigentlich immer alles was so im Dorf passiert. Aber auch die Tante Hildegard, hat nichts von einem Unfall, den die Holzfäller im Wald hatten gehört.

Abends kommen Bärbel und Uwe. Die beiden Frauen unterhalten sich in der Küche, während sie die Pilze zubereiten, über dieses komische Ding das wir gefunden haben.

Ich verstehe das alles nicht so ganz. So toll war der Fund ja auch nicht. Es muss wohl so aufregend für sie sein, weil es sich um ein Teil von einem Menschen handelt. Das ist in etwa so, wie wenn ein Stück von einer Hundepfote im Wald liegen würde, nur mit dem Unterschied, dass sich da kein Mensch drüber aufregen würde und schon gar nicht die Polizei dafür interessieren würde.

Seit dem ich eingesehen habe, dass ich nur dann in die obere Wohnung zu Frauchen und Herrchen darf, wenn ich mich beherrsche und diesem kleinen ständig schreienden und keifenden Katzenvieh nichts tue, zu dem Frauchen immer "süßerkleinerdicker“ Kimi sagt, werde ich auch von diesem kleinen Fettsack geduldet. Wir mögen uns zwar nicht, aber hund muss Kompromisse machen können. Meistens liegt der fette Kater faul auf dem Sofa. Selten macht er mal seine blauen Augen auf und faucht mich an. Der kleine Kerl ist ziemlich arrogant und als echter Siamkater auch mächtig eingebildet. Entweder er ignoriert mich total oder er will sich mit mir anlegen.

Jetzt kommt er auf mich zu. Na, Du schwarzes Hundescheusal schnurrt er mich an. Was hast Du den heute im Wald wieder angestellt, dass mein Frauchen sich so aufregen muss. Er tänzelt dabei ganz geschickt durch meine Beine durch. Immer wenn ich versuche ihm unbemerkt eine mit der Pfote zu geben, weicht er geschmeidig aus. Du kleiner Flohteppich, spiele Dich hier nicht so auf. Ich habe nichts getan, was unser Frauchen aufregen könnte. An mir liegt das nicht. Frauchen hat selbst dieses sonderbare Ding gefunden. Ausnahmsweise habe ich keine Aktien daran. Ich passe schon auf, dass meinem Frauchen im Wald nichts passiert. Wenn ich bei den Beiden bin, dann würde sich niemand auch nur in ihre Nähe wagen, weise ich ihn zurecht. Er schmeißt sich vor mich hin und während er mit der Zunge genüsslich über sein Fell leckt, in der sicheren Gewissheit, dass ich ihm in Gegenwart von Frauchen und Herrchen nichts tun darf. Dir traue ich keine zehn Meter weit, außer das Du ein großes Maul hast, kannst Du doch gar nichts, faucht er mich an. Diese Frechheit kann auch nur dieses kleine Biest besitzen. einen Dobermann so zu beleidigen. Bei passender Gelegenheit kriegt er wieder einmal eine mit der Pfote geschraubt.

Während die Menschen Ihre Pilze essen, liegen wir beide weit auseinander im Esszimmer und hören ihnen zu. Omi berichtet von ihren telefonischen Nachforschungen bezüglich des Daumens. Sie sagt, ich habe alle meine Bekannten angerufen, aber niemand hat etwas von einem Unfall den die Waldarbeiter gehabt haben, gehört. Der Daumen kann nicht von einem Unfall her stammen, man müsste nur wissen, wie lange der Daumen schon dort gelegen hat. Vermutlich nicht länger als 1 –2 Tage, sonst wäre die Verwesung schon viel weiter fortgeschritten.

Damit scheint für die Menschen dieses Thema beendet zu sein. Der kleine fette Schreihals liegt mittlerweile zusammengerollt bei meinem Frauchen auf dem Schoß. Hochmütig blinzelt er mit seinen blauen Augen auf mich herunter. Ich platze fast vor Eifersucht und setze mich neben mein Herrchen. Ich lege ihm die Pfote auf den Schoß. Herrchen registriert es sofort. Hallo mein Hund, sagt er und streichelt mich. Ich strecke mich ihm genüsslich entgegen und beobachte aus den Augenwinkel ob der freche Kater das auch sieht. Er tut so als würde er es nicht bemerken und schnurrt Frauchen an. Na warte, sage ich zu ihm, irgendwann erwische ich Dich ohne dass die Beiden in der Nähe sind, dann kannst Du Dich auf was gefasst machen.

Am nächsten Tag ist Sonntag und es regnet schon wieder Bindfäden. Während ich in meinem Zimmer auf dem Sofa liege, höre ich den Wind ums Haus heulen. Das bedeutet für mich, dass ich heute, wenn es so weiter regnet, noch mindestens dreimal pitschnass werde.

Tagsüber sind Kimi und ich streng getrennt, außer am Wochenende. Er ist oben in der Wohnung ganz alleine während Frauchen und Herrchen auf der Arbeit sind und ich bin Gott sei Dank bei Omi. Erst abends wenn Herrchen und ich unseren langen Spaziergang gemacht haben, dann darf ich zum Abendessen mit rauf zu Frauchen und Herrchen und leider auch zu dem kleinen Schreihals.

Heute gehen wir schon nachmittags spazieren. Anschließend liege ich wieder oben neben dem Eßzimmertisch als die Menschen am Abendessen sind. Ich bin immer noch nicht so ganz trocken, obwohl Frauchen mich mit dem Handtuch abgerieben hat. Mit meiner Zunge versuche ich die letzten Reste von Nässe aus meinem Fell zu lecken.

Während ich meiner Fellpflege nachgehe, sagt Omi zu Herrchen, hast Du heute in der Sonntags-Zeitung gelesen, dass ein Mann aus Dillenburg schon seit vorgestern verschwunden ist? Ja, ja sagt Herrchen, ich habe es gelesen. Der wollte angeblich nach Rennerod ist aber dort nie angekommen. Sein Name ist irgendwie Pötsch oder Pöltsch, der soll so alt sein wie ich. Eigentlich müsste ich mit dem zur Schule gegangen sein. Wie war denn der Vorname, fragt er. Ich glaube Otto oder Udo, genau weiß ich das aber auch nicht mehr, aber ich habe die Zeitung noch und kann nachher mal nachsehen, sagt Omi. Das Auto von dem haben die gestern auf dem Parkplatz von Stefans, dem Haushaltswarengeschäft hier bei uns im Neubaugebiet gefunden. Vielleicht hatte der eine Panne und hat den Wagen dann hier abgestellt. Kann ja sein, dass er über Medenbach nach Rennerod fahren wollte, sagt Herrchen. Omi gibt sich mit dieser Erklärung zufrieden.

Der kleine Fettsack liegt auf dem Sofa und wäscht sich langsam und behäbig. Ich sehe ihm eine Weile zu. Als er das merkt, ist er sauer. Wutentbrannt springt er auf und kommt fauchend auf mich zu. Man kann nicht mal mehr ungestört seiner Körperpflege nachgehen, seitdem dieser vierbeinige Trampel sich in meiner Wohnung frei bewegen darf, knurrt er und schon ist er durch seine Katzentür in der Küche verschwunden. Die Küche ist immer noch alleine sein Reich. Durch die Katzentür komme ich nicht durch und Frauchen passt immer höllisch auf, dass die Küchentür nie offen bleibt. Es wäre zwar ein leichtes für mich, sie mit den Pfoten aufzumachen, aber ich werde mich hüten, dass zu tun, wenn meine Menschen dabei sind. Das könnte eine ewige Verbannung der oberen Wohnung bedeuten. Na ja, auch gut, wenn das kleine Scheusal nicht mehr im Wohnzimmer ist, brauche ich mich auch nicht mehr über ihn zu ärgern.

Frauchen sagt, in letzter Zeit scheint das öfter zu passieren, dass Menschen verschwinden. Ich habe erst vor ca. 14 Tagen gehört, dass ein Mann aus Haiger, sogar ein ziemlich Junger, so um die zwanzig Jahre, verschwunden ist. Der wird wohl auf einen Trip gegangen sein, sagt Herrchen. Das ist doch heutzutage nichts ungewöhnliches, die heutige Jugend ist doch ständig high und da kann es schon einmal vorkommen, dass die nicht mehr wissen wo ihr zu Hause ist.

Abends kommt Klecks mit seinen Leuten vorbei. Klecks ist ein Cocker-Spaniel und schon unglaublich alt. Früher mochte er mich recht gerne, aber in letzter Zeit darf ich ihm nicht mehr zu nahe kommen. Antje und Ditmar sind aber nach wie vor dicke Freunde von mir. Ich darf sie beide mit Küsschen begrüßen. Die quietschen wenigstens nicht immer so, wie die meisten anderen Menschen, wenn die ein Küsschen von mir bekommen.

Klecks liegt, nachdem er von Ditmar die Treppe hochgetragen wurde, schwer atmend in der Ecke am Terrassenfenster. Na Alter, sage ich zu ihm, wie geht es Dir. Ich versuche mich vorsichtig ihm etwas zu nähern aber er knurrt böswillig, bleibe nur wo Du bist. Ich will meine Ruhe haben. Sehr zu meinem Ärger darf süßerkleinerdicker“ Kimi ihm Küsschen geben und wird wohlwollend von ihm begrüßt. So eine Sauerei, ich als alter Freund muss Abstand halten und dieses kleine Krallenungeheuer darf einfach mit ihm schmusen. Ich tue so als würde ich es nicht bemerken. Vielleicht kann ich wenigstens einen kleinen Schwatz mit ihm halten.

Ist schon gut, sage ich zu ihm, ich komme Dir nicht zu nahe. Ich sehe ja auch so schon, dass es Dir mal wieder nicht gut geht. Ja, meine alten Knochen piesacken mich mal wieder gewaltig, stöhnt er. Was gibt es denn neues in der Gemeinde, frage ich ihn. Er legt seine sowieso schon faltige Stirn noch mehr in Falten und denkt angestrengt nach. Seine langen Ohren baumeln bis auf den Fußboden herunter. Gestern, sagt er, hat die Dixie von gegenüber den Briefträger ins Bein gebissen. Es hat ein Mordstheater deswegen gegeben. Ich war gerade auf der Straße als es passierte. Dixie hat eine gewaltige Tracht Prügel bekommen. Die ist grün und blau und kann einem schon leid tun.

Das verstehe ich, ich mag auch keine Briefträger, hatte aber noch nie die Gelegenheit einen zu erwischen. Man kann schon ein bisschen neidisch auf die Dixie werden. Ich kenne die vom sehen, ist eine Colliehündin; nicht sehr schön, aber ganz schön giftig.

Und sonst, Alter, was gibt es sonst noch so Neues. Viel Hoffnung habe ich nicht, von ihm irgendwelche spektakulären Geschichten zu hören. Aber plötzlich hellt sich seine Miene auf. Letzte Woche, bei einem unserer Spaziergänge, habe ich oben im „Tiergarten“ eine Spur erschnüffelt, als ich der nach bin, bin ich auf einen Ast gestoßen, der voll mit Blut war. Ich bin enttäuscht, das ist auch keine große Sensation, sage ich zu ihm. Blut von Wild findet man öfter mal im Wald, das ist nichts Besonderes. Denkste, sagt er, das war Menschenblut, viel Menschenblut. Ich werde hellhörig und stelle die Ohren auf. Wo war das, frage ich ihn. Im Tiergarten, sagte ich doch, knurrt er. Der ganze Platz um den Ast war voller Blut ich wollte gar nicht mehr weg. Antje musste mich mit Gewalt wegholen.

Ich denke an unseren Fund im „Muttert“ und erzähle Klecks davon. Ne, sagt er, da kann kein Zusammenhang bestehen. Der Daumen war viel zu weit weg vom Tiergarten. Auch richtig, aber schon sehr sonderbar. Langsam erwacht mein Spürsinn wieder. Aber um einen Fall daraus zu machen, habe ich viel zu wenige Fakten. Trotzdem könnte ich bei nächster Gelegenheit mal wieder ein bisschen ermitteln.

Stefan liegt auf dem Sofa und hat sein Jüngstes auf dem Bauch liegen. Das Baby scheint sich sichtlich wohl zu fühlen. Es nuckelt an seinem Daumen und sieht seinen Vater mit seinen blauen Augen an. Na mein, süßer kleiner Schatz, weißt Du schon dass ich Dein Papa bin, fragt er das Baby. Als würde es ihn verstehen lächelt es ihn an. Aus der Küche kommt Bianca, seine Frau. Hallo ihr zwei, schmust ihr schon wieder? Du machst mich noch ganz eifersüchtig, sagt sie lachend zu ihrem Mann. Sei doch nicht albern, sagt der, Du hast Sie doch die ganze Woche, wenn ich auf der Arbeit bin und außerdem muss ich gleich schon wieder weg, ins Sportlerheim. Wir haben heute Abend noch Spielerausschußsitzung, dann hast Du Sie schon wieder für Dich alleine. Wenn Du nicht da bist, schläft Sie die meiste Zeit, sagt Bianca, sie weiß wahrscheinlich jetzt schon, wann es gilt wach zu sein und wie Sie ihren Papa um den Finger wickeln kann. Dafür stehe ich ja auch heute Nacht wieder auf wenn Sie schreit und trage Sie durchs Haus, tröstet er seine Frau. So und jetzt muss ich los. Er gibt Bianca das Baby und drückt seiner Frau einen Kuss auf die Wange, bis später ihr beiden Schätzchen, ruft er als er durch die Tür verschwindet. Es wird kein später mehr geben, Stefan hat noch genau 4 Stunden zu leben.

Am nächsten Tag sind meine Beiden wieder arbeiten. Ich bin mit Omi alleine und verschlafe fast den ganzen Tag. Als Herrchen heimkommt, hat es aufgehört zu regnen und wir können mit trockenen Pfoten spazieren gehen. Ich versuche mit größter Mühe Herrchen klar zu machen, dass wir unbedingt im Tiergarten spazieren gehen müssen. Als wir an der Kreuzung zum Muttert sind, ziehe ich ihn einfach weiter. Herrchen ist ganz erstaunt, willst Du nicht Deinen Lieblingsweg gehen, fragt er mich. Ich trotte unverdrossen weiter Richtung Tiergarten, bevor er es sich anders überlegt. Ständig halte ich die Nase auf die Erde, aber ich kann weder Blut noch sonstige ungewöhnliche Gerüche erkennen.

Der Tiergarten ist durch den vielen Regen der letzten Wochen, ziemlich nass und matschig. Und wenn hier Blut gewesen wäre, dann hat es der Regen schon längst abgewaschen. Es war ja auch schon letzte Woche, als der Klecks das Blut gefunden hat. Trotzdem gebe ich nicht auf, ich laufe mit der Nase auf der Erde durch den Wald und suche. Ich finde ein Tempotaschentuch, unwichtig, ich stupse es mit der Nase zur Seite. Herrchen ist schon ganz verzweifelt, Wotan was suchst Du den, hier gibt es doch außer Matsch nichts, sagt er. Als es wieder anfängt zu regnen, sehe ich es ein, wir müssen zurückgehen. Ich bin sehr enttäuscht, als wir am Auto angekommen sind. So was blödes, wenn ich doch nur eine Spur gefunden hätte, dann wäre wieder etwas Aufregung in mein Leben gekommen. Nicht immer nur das tägliche Einerlei. Pitschnass und todunglücklich sitze ich im Auto und warte bis wir zu Hause sind.

Ich werde bereits an der Haustür von Frauchen mit einem Handtuch empfangen. So ein Pech, sagt sie, ich dachte ihr kommt noch trockenen Fußes nach Hause. Ich lasse mich wohlig abreiben und trotte dann an meinen Futternapf. Omi ist ganz aufgeregt, sie sagt habt ihr schon gehört, jetzt ist sogar ein Medenbacher verschwunden, der Stefan, der mit der Bianca von Schustes verheiratet ist, ist seit gestern Abend spurlos verschwunden. In Omi’s Gesicht spiegelt sich Ihre Phantasie wieder. Man sieht direkt welche schrecklichen Bilder vor ihren Augen stehen.

Der ist bestimmt mit einer anderen Frau durchgebrannt, sagt Frauchen. Omi’s Gesicht hellt sich auf, das könnte auch sein. Sichtlich beruhigt, kommt sie mit nach oben zum Abendessen.

„Süßerkleinerdicker“ Kimi kommt schreiend aus der Küche. Der kann mit seiner Stimme ganze Völker in den Wahnsinn treiben. Hältst Du jetzt endlich mal Dein großes Maul, knurre ich ihn an. Das hält ja kaum ein Mensch aus, geschweige denn ein Hund. Du unsensibles Ungeheuer schimpft er mit mir, ich kann ja wohl meine Menschen noch begrüßen und schon schreit er weiter. Ich halte das nicht aus und mache kehrt und ziehe mich zurück in mein Zimmer. Hier habe ich wenigstens meine Ruhe vor dem kleinen Schreihals.

Schade, das war heute eine echte Enttäuschung. Während ich vor mich hin schlummere, stelle ich mir vor was alles hinter diesem Blut stecken könnte und versuche dann das Blut mit dem Daumen in Verbindung zu bringen.

Die nächsten Tage vergehen ohne besondere Ereignisse. Bärbel kommt wie immer, am Dienstagnachmittag vorbei und wir spielen ein bisschen zusammen. Donnerstag treffen wir auf unserem Spaziergang wieder auf Fanko. Fanko ist in Begleitung von Fine. Sie ist eine Golden Redriver Hündin die ständig von zu Hause abhaut und alleine durch die Wälder streift. Wenn sie dann auf jemand trifft den sie kennt, geht sie meistens eine Weile mit demjenigen mit. Das hat sie mit Herrchen und mir auch schon oft gemacht. Herrchen hat sie auch schon oft nach Hause gebracht, wenn wir sie mal wieder im Wald aufgelesen haben.

Ein bisschen schwärmen wir beide, Fanko und ich für die Fine. Sie ist auch ein bildschönes Mädchen, nur leider etwas zu wild. Fine ist nicht sehr kräftig für einen Golden Redriver, und hat überhaupt nichts Damenhaftes an sich. Hallo ihr beiden, belle ich sie an, während ich Robert begrüße, damit er sich nicht übergangen fühlt. Dann begrüßen wir drei uns wild. Als wir wieder etwas zu Atem gekommen sind, sage ich zu Fine: Lange nicht gesehen, bist Du etwa häuslich geworden und verlässt das Haus nicht mehr oder wirst Du langsam alt. Fine ist entrüstet, wo denkst Du hin, ich war doch gar nicht da. Wir waren im Urlaub in Bayern und ich habe dort die Gegend unsicher gemacht. Und wie ist es in Bayern, fragt Fanko. Ach gar nicht mal so schlecht, bis aufs Wetter, sagt sie. Ständig hat es geregnet und es war kein reines Vergnügen, längere Ausflüge zu unternehmen.

Fines Frauchen ist auch gleichzeitig der Doktor der immer zur Omi kommt. Sie wohnt eine Straße über uns und wenn Fine Ihre Soloausflüge macht, kommt sie meistens mal bei uns vorbei und wir halten einen kleinen Schwatz über den Zaun.

Während wir uns unterhalten, hält sie keine Minute still. Ständig springt sie um Fanko und mich herum. Fanko sagt, ja wir waren auch im Urlaub, in Frankreich, aber ich habe dort nicht so tolle Dinge erlebt, wie der Wotan in Dänemark. Obwohl bei uns das Wetter immer saustark war, im Gegenteil es war einfach für mein schwarzes Fell zu heiß und ich habe die meiste Zeit im Inneren unseres Ferienhauses oder im schattigen Garten verbracht.

Na ja, so einen spannenden Urlaub, wie ich ihn hatte, kann ja keiner vor den anderen erleben, weil die alle nicht meinen kriminalistischen Instinkt haben. Ich überlege schon ob ich den beiden von meinem Verdacht, betreffend der Ereignisse der letzten Woche erzählen soll, verwerfe es aber sofort wieder. Die würden mir sowieso nicht glauben und außerdem weiß ich selbst, dass manchmal meine Phantasie mit mir durchgeht. Deswegen frage ich nur ganz scheinheilig, und was gibt es sonst neues im Dorf? Fine, fängt sofort lebhaft an zu erzählen, da ist ein Mann aus dem Dorf verschwunden, den ich aber auch nicht kenne. Kennst Du den, frage ich Fanko. Er nickt mit dem Kopf, der Stefan ist ein Arbeitskollege von meinem Herrchen und war ab und zu schon mal bei uns zu Hause. Herrchen hat bereits vorgestern Abend beim Abendessen erzählt, das der Stefan nicht zur Arbeit erschienen ist, und gestern hat er mit seiner Frau telefoniert und die war ganz verzweifelt, weil die sich überhaupt nicht erklären kann, wo er sein soll. Er wäre am Sonntag nach dem Abendessen noch ins Sportlerheim gegangen und seit dieser Zeit verschwunden. Mein Frauchen meint, dass der vielleicht ne Freundin hat und mit der durchgebrannt ist, verrate ich den beiden. Fanko denkt nach, ne kann ich mir nicht vorstellen. Der ist doch erst vor 2 Monaten Vater geworden, ich glaube nicht das der einen Freundin hat. Also doch, bleibt nur ein Verbrechen übrig. Aber wo wird der stecken, denke ich mir.

Herrchen drängt mich mittlerweile zum Weitergehen. Komm Wotan, sagt er wir wollen noch ein paar Schritte tun. Fanko und ich verabschieden uns mit Küsschen, bei Fine traue ich mich das nicht, sie merkt nachher noch, dass ich ein bisschen für sie schwärme. Sie sagt: Ja, ich mache jetzt auch das ich nach Hause komme, unser russisches Aupairmädchen, sucht mich sonst wieder den ganzen Tag und bekommt dann heute Abend mit meinem Frauchen schwer Ärger.

Wir gehen noch den ganzen Muttert durch und nehmen als Rückweg den zweiten Muttert. Als wir zur Futterkrippe kommen, sehe ich durch die Bäume auf dem 3. Muttert eine Frauengestalt gehen. Ich ziehe sofort los, aber Herrchen hat mich an der Leine und ich habe keine Chance, näher heranzukommen. Trotzdem kann ich erkennen, dass es sich um Fine's Aupairmädchen handelt. Sie scheint einen schweren Korb mit Pilzen gefunden zu haben. Herrchen hat sie auch erkannt. Wenn die jetzt Deutsch könnte, dann könnten wir ihr sagen, dass die Fine mit dem Robert auf dem Heimweg ist, sagt Herrchen zu mir. Aber leider versteht die uns nicht sehr gut.

Die Sonne scheint am nächsten Morgen und ich liege auf der Terrasse im herbstlichen Sonnenschein und wärme mein schwarzes Fell. Omi ist im Wohnzimmer aber die Haustür steht weit offen. Ich dusele ein bisschen vor mich hin. Als das Telefon geht, spitze ich die Ohren, könnte ja Frauchen sein. Was schon wieder, höre ich die Omi sagen. Das ist ja langsam unheimlich. Aus Uckersdorf sagst Du, ne den Namen kenne ich nicht. Ich bin mittlerweile rein gekommen und höre ganz gespannt zu. An ihrer Stimme merke ich, dass meine Omi ziemlich aufgeregt ist. Das ist doch jetzt schon der vierte innerhalb von einer Woche, der im Dillkreis spurlos verschwunden ist und immer bei uns in der Nähe, sagt Sie, das ist richtig unheimlich.

So ganz spurlos ja auch nicht. Ich denke an den Daumen der im Wald einfach so herumlag und an das Menschenblut. Was ist wenn der Daumen zu einem der verschwundenen Männer gehört hat. Aber eigentlich müsste die Polizei das ja feststellen. Oder vielleicht auch nicht, wenn die keine Fingerabdrücke von den Männern haben, dann können die wahrscheinlich auch nicht feststellen, ob einem von denen der Daumen gehört hat. Wenn ich wenigstens die Stelle im Tiergarten gefunden hätte, wo der Klecks das viele Blut gesehen hat.

Abends begrüßt mich „süßerkleinerdicker“ Kimi mit: Na Du Klugscheißer, hast Du schon gehört, es ist wieder ein Mann verschwunden. Was sagt den der große Kommissar Wotan dazu. Ich knurre ihn an, verschwinde bloß Du Anti-Mäusefänger. Ich habe wenigstens schon mal einen Mörder gefangen, aber Du bist noch zu doof eine Maus zu jagen. Beleidigt vor sich hin miauend verschwindet er in seiner Küche. Wart, s ab ruft er mir noch zu, irgendwann findest Du noch Deinen Meister, dann wird der Verbrecher Dich fangen und Du wirst die Leiche sein. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Dieses kleine Vieh schafft es doch immer wieder mich zu ärgern.

Ich höre den Menschen zu, als sie zu Abendessen. Omi erzählt gerade von Ihrem Telefongespräch mit Ihrer Schwester. Herrchen sieht das alles nicht so eng. Du hast einfach zu viel Phantasie, sagt er zu Omi. Hier in unserem ländlichen Gebiet laufen keine Killer herum. Das wird sich wahrscheinlich alles bereits in den nächsten Wochen von alleine aufklären. Na ja, Herrchen, da glaube ich auch nicht mehr dran.

Am nächsten Morgen weckt Herrchen mich ganz früh. Hallo, Dicker, sagt er, wir wollen heute Morgen schon mit Bärbel und Uwe in die Pilze. Weil sie dann angeblich am besten schmecken, wenn man sie früh morgens erntet. Noch etwas müde schüttele ich mich. Aber die Aussicht auf den Ausflug in den Wald macht mich gleich munter. Als wir nach draußen kommen, ist es noch ganz dämmrig. Die Luft ist ziemlich feucht. Der Nebel zieht in feinen Schwaden durch das Tal. Bärbel und Uwe erwarten uns. Bereits nach kurzer Zeit sind wir alle ziemlich klamm von der Feuchtigkeit. Wir gehen diesmal durch den Tiergarten in Richtung Gatte. Bärbel und Frauchen haben jede einen Korb in der Hand und jede hat ein Messer. Vor einem der großen dunklen Fichtenwälder bleibt Bärbel stehen, hier müssten eigentlich Steinpilze wachsen, sagt sie. Herrchen und ich vorweg, begeben wir uns hinein in das dunkle Dickicht des Waldes. Hier ist es ziemlich unheimlich. Es ist fast stockdunkel. Meine Nase nimmt den Geruch von vielen Wildschweinen wahr. Die müssen hier ganz in der Nähe sein. Frauchen und Bärbel sind direkt hinter uns und Uwe geht ganz zum Schluss. Ich fühle mich absolut nicht wohl. Langsam und vorsichtig robbe ich auf dem Bauch weiter. Bärbel und Frauchen sind fündig. So viele Steinpilze auf einer Stelle, habe ich noch nie gesehen, ruft Bärbel. Die beiden fangen ganz begeistert an Ihre Körbe zu füllen. Ich rieche nun die Nähe der Wildschweine noch intensiver. Vorsichtshalber knurre ich laut und deutlich, damit diese Viecher merken, dass ich hier bin und schnell das Weite suchen. Richtig, ich höre sie jetzt auch auf dem weichen Waldboden laufen. Sie entfernen sich deutlich von uns weg.

Gott sei Dank, ich bin froh, dass ich meine Menschen nicht verteidigen muss. Aber kaum sind die Geräusche verebbt, höre ich Neue. Ich nehme eine fremde Stimme wahr und hebe den Kopf. Herrchen scheint die Stimme nicht zur hören. Er ist, wie die anderen auch, immer noch am Pilze suchen. Ich hebe die Nase in die Luft und wittere. Ganz klar, fremde Menschen sind in der Nähe. Vorsichtig robbe ich auf dem Bauch durch das dichte Unterholz weiter in die Richtung aus der ich die Stimme höre. Es hört sich fast an wie ein Kind, ein ziemlich hohes Wimmern. Je weiter ich vorwärts komme, um so lauter kann ich das schreckliche Geheule hören. Leider ist meine Leine jetzt zu Ende und Herrchen wird ziemlich unwirsch, als ich versuche weiter vorwärts zu kommen. Wotan, du alter Quälgeist, sei doch nicht so ungeduldig, wir sind ja gleich fertig und gehen dann weiter.

Plötzlich ist es ganz ruhig. Die Stimme ist verstummt. Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken. Sämtliche meiner Rückenhaare haben sich aufgestellt. Was war das? Frauchen kommt gut gelaunt zu uns und zeigt Herrchen ihren vollen Korb. So, sagt sie, von mir aus können wir uns auf den Heimweg machen. Auch Bärbel und Uwe haben ihren Korb voll mit Pilzen. Da alle vier ziemlich durchgefroren sind, machen wir uns schnellstmöglich auf den Rückweg. Ich halte immer noch nach allen Seiten Ausschau. Aber weder rieche ich etwas noch höre ich dieses Geräusch noch einmal. Herrchen merkt wie unruhig ich an der Leine bin. Wotan, schimpft er mit mir, zieh nicht so an der Leine. Du sollt‘s auf dem Weg bleiben, sonst werde ich böse.

Wir sind alle froh, als wir endlich wieder im Dorf sind. Bärbel und Uwe verabschieden sich. Bärbel sagt, wir müssen gleich heim, weil Robert und Sandra bestimmt bald wach werden. Die haben noch gar nicht gemerkt, dass wir weg waren. Robert ist Frauchens Patenkind. Er mag mich nicht, aber das macht mir überhaupt nichts aus. Robert ist noch ein ziemlich kleiner Mensch, Sandra dagegen ist schon größer und mit der verstehe ich mich auch sehr gut.

"Süßerkleinerdicker" Kimi sitzt oben auf der Treppe als wir zurückkommen und schreit natürlich wieder aus vollem Halse. Mach Platz Du Schreihals, knurre ich hin an. Er steht hoheitsvoll auf und stolziert vor mir ins Wohnzimmer. Arrogant dreht der sich zu mir herum und zischt, na Du stinkendes Hundevieh, musstest Du wieder raus in die Kälte, während ich hier schön im warmen liegen durfte und noch schlafen konnte. Ich weiß genau, dass aus dem nur der Neid spricht. Gar zu gerne wäre der mit Herrchen und Frauchen spazieren gegangen, aber den würden die nie mitnehmen. Das würde ich mir auch sehr verbieten.

Wenn Du wüsstest was ich schon wieder alles Unheimliche erlebt habe, flüstere ich ihm im vorbeigehen zu, Du würdest Dir vor Angst den Schwanz nass machen. Er zeigt sich wenig beeindruckt. Was kannst Du schon groß am frühen Morgen im Wald erleben. Vielleicht wie die Rehe sich guten Morgen sagen, oder die Hasen vor Dir weglaufen. Außerdem waren Frauchen und Herrchen ja bei Dir und die haben bis jetzt noch nichts Unheimliches erzählt. Das werden die Dir auch nicht auf die Nase binden, sage ich zu ihm. Solche Dinge sind nur was für höher stehende Geschöpfe und zu denen zählst Du nicht gerade. Ich habe es mal wieder geschafft ihn los zu werden. Er springt demonstrativ zu Frauchen auf den Schoß und kuschelt sich an sie. Damit kann er mich nicht ärgern. Ich wende mich ab und lege mich vor den Kachelofen. Wenn ich nur wüsste wer oder was da so gewimmert hat.

Meine Beiden unterhalten Sie während des Frühstücks wieder über den Daumen. Herrchen sagt, ich bin echt erstaunt, dass wir nichts mehr von der Polizei gehört haben. Ich wüsste doch zu gerne, was die jetzt damit gemacht haben. Die können das Ding doch nicht einfach wegwerfen. Irgendwie müssen die das Teil aufbewahren. Obwohl der ursprüngliche Besitzer nach so langer Zeit auch nichts mehr damit anfangen kann. Frauchen schüttelt sich, eklig, sagt sie, musst Du damit jetzt beim Frühstück anfangen. Wahrscheinlich sind die immer noch auf der Suche nach der Hand die zu dem Daumen gehört. Trotz des Berichtes in der Zeitung, dass im Medenbacher Wald ein Daumen gefunden wurde, hat sich niemand gemeldet. Wir werden es gewiss nie erfahren, wie das Ding dahin gekommen ist.

Frauchen ist den ganzen Nachmittag mit Pilze putzen beschäftigt und Herrchen und ich unternehmen noch einmal einen ausgiebigen Spaziergang. Wir gehen Richtung Schwimmbad und dann an der „Lang Seit“ hoch. Hier waren wir auch schon lange nicht mehr. Herrchen sucht ständig den Waldboden ab. Ihn hat die regelrechte Pilzsucht gepackt. Als wir gerade an dem Anstieg zur Gatte sind, sehe ich oben auf der Höhe ein Paar engumschlugen entlang gehen. Ich ziehe sofort los, um zu sehen wer das ist. Aber Herrchen hält mich zurück. Wotan lass die Leute in Ruhe, das ist doch nur ein Liebespaar und die kennen wir bestimmt nicht.

Heute ist ein richtig goldener Oktobertag, wie aus dem Bilderbuch. Wir sind jetzt oberhalb vom Dorf und können ganz unten im Sonnenschein einige der Häuser von Medenbach erkennen. Der Wald leuchtet in allen Farben. Auf einer Wiese machen wir Rast und Herrchen raucht eine Zigarette. Ich sitze auf seinem Schoß und Herrchen sitzt auf der Erde. Wir genießen beide die herbstlichen Sonnenstrahlen. Auf dem Rückweg kommen wir an der Stelle vorbei, wo wir heute Morgen die Pilze gefunden haben. Schon lange bevor wir dort sind, nehme ich einen Geruch wahr, den ich auch schon in der Nähe des Daumens gerochen habe. Keine 100 Meter weiter liegt etwas auf der Erde, mitten auf dem Weg. Ich laufe schnell vor und beschnuppere es von allen Seiten. Herrchen ist mittlerweile bei mir angekommen, was hast Du den da, fragt er mich. Ich nehme es mit dem Maul auf und halte es Herrchen hin. Als er es in die Hand nimmt, lässt er es sofort wieder fallen. Ach Du Scheiße sagt er, weißt Du was Du da gefunden hast. Das ist ein Penis, ein männliches Geschlechtsteil. Ach so, denke ich, die Jäger haben hier wieder ein paar Böcke geschossen und wahrscheinlich auch gleich ausgenommen. Es ist ja jetzt Jagdzeit. Das ist aber nichts Besonderes. Ich verstehe zwar dass Herrchen so etwas nicht unbedingt in der Hand halten möchte, aber warum der mich so entsetzt ansieht, weiß ich nicht. Er holt ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischt sich erst einmal die Stirn damit ab. Puh, Wotan, jetzt haben wir schon wieder Ärger am Hals, sagt er.

Er zieht mich von dem Ding weg und bindet mich am Baum fest. Dann greift er in seine Hosentasche und holt sein Handy raus. Er telefoniert mit jemanden und ich höre wie er sagt, ist gut, direkt unterhalb der Gatte auf dem Querweg zum Tiergarten sind wir hier. Ich bringe nur schnell meinen Hund zum Auto. Das Auto steht am Schwimmbad und dort warte ich dann auf Sie. Wir können dann gemeinsam hierher fahren.

Im Dauerlauf läuft er mit mir den Rübgarten, am Schützenhaus vorbei, runter bis zum Schwimmbad. Er ist immer noch ganz blass im Gesicht und spricht nicht mehr viel mit mir. Ich habe ein schlechtes Gewissen, und frage mich ob ich schuld daran bin, dass es Herrchen jetzt nicht mehr so gut geht. Ich hüpfe auf die Ladefläche unseres Kombis und gucke Herrchen zu, der draußen am Auto auf und ab geht und wie wild an seiner Zigarette zieht.

Warum wird ihn das Geschlechtsteil von einem Rehbock so aufregen, frage ich mich. Mir kommt plötzlich ein Gedanke, was ist wenn es ein menschliches Geschlechtsteil ist. Aber nein, einen Daumen kann man ja mal bei einem Unfall verlieren, aber nicht einen Penis. Endlich kommt ein Auto, es hält neben unserem und es steigt ein Mann in einer grünen Uniform aus. Herrchen spricht aufgeregt mit dem Mann und steigt dann zu ihm in den Wagen.

Nach ewigen Zeiten kommt das Auto zurück und Herrchen begrüßt mich. Tut mir leid Wotan, dass Du so lange warten musstest aber hierbei konnte ich Dich nicht mitnehmen. Wir haben wahrscheinlich schon so genug Spuren kaputt getrampelt.

Ich kann mir schon lebhaft vorstellen, was ich heute Abend von dem kleinen dicken Fettsack zu Hause zu hören bekomme. Der wird wieder ganz schön grantig werden und mir die Schuld geben. Ich bin auf alles vorbereitet. Aber sonderbarerweise wird es gar nicht so schlimm. „Süßerkleinerdicker“ Kimi ist ganz friedlich. Als ich nach dem Abendessen hoch ins Wohnzimmer komme, sitzt er in friedlicher Absicht auf dem Wohnzimmertisch und wäscht sich. Das ist ja ein dickes Ding, sagt er. Er springt vom Tisch runter und setzt sich direkt neben mich. Im Flüsterton sagt er, ihr habt heute wahrscheinlich einen Mord entdeckt. Vielleicht geht es sogar um den verschwundenen Mann in Medenbach, dabei guckt er mich ganz mitleidig an. War es sehr schlimm, fragt er mich. Wie meinst Du das frage ich ihn vorsichtig. Na ja, so ein abgetrennter Penis und all das viele Blut, eklig sagt er und schüttelt sich. Da war kein Blut, sage ich, genau wie bei dem Daumen. Da lag einfach nur dieses Ding mitten auf dem Weg. Er ist sichtlich enttäuscht, dass ich seine Sensationslust nicht weiter befriedigen kann.

Herrchen, sagt beim Abendessen zu Omi und Frauchen, Morgen müssen ich noch einmal nach Dillenburg zur Polizei und eine Aussage machen. Die Spurensicherung sollte heute Nachmittag schon an der Arbeit sein. Der Polizist hat mir gesagt, dass die das Ding mit dem Hubschrauber noch heute ins LKA nach Wiesbaden fliegen. Dort werden die dann eine DNA-Analyse erstellen. Die Sache mit dem Daumen sehen die jetzt auch in einem anderen Licht und werden den auch im LKA untersuchen lassen. Ich höre interessiert zu. Sieht so aus als hätte ich doch wieder einen Fall. Befriedigt lege ich mich auf die Seite und mache die Augen zu. Ich stelle mir schon vor, wie ich den Mörder überführe und ihn der Polizei übergebe, bzw. Herrchen ihn der Polizei übergibt, nachdem ich ihn gestellt habe. Das wäre toll. Es wartet viel Arbeit auf mich. All die verschwundenen Männer müssen doch irgendwo sein – und meine Supernase wird sie aufspüren.

Meine Leute haben die Pilze vom Vortag gut überstanden. Gott sei Dank. Mir ist nie so ganz wohl dabei. Ich weiß ja mittlerweile, dass es nur ganz wenig Pilze gibt, die die Menschen auch vertragen können. Die meisten Pilze sind giftig. Es steht heute nichts in der Zeitung von den gestrigen Geschehnissen. Ich bin etwas enttäuscht. Habe ich mich doch extra neben Omi niedergelassen, als sie die Zeitung geholt hat. Wenn etwas drin gestanden hätte, hätte sie es vor lauter Aufregung bestimmt wieder laut vorgelesen.

Nachmittags bei unserem Spaziergang treffen wir wieder Robert und Fanko. Es hat sich wohl doch schon herumgesprochen, dass wir so etwas Widerliches gefunden haben. Herrchen spricht mit Robert darüber, nur komisch sagt er, dass immer wir auf solche Dinge stoßen. Es treiben sich doch zurzeit wirklich genügend Leute im Wald herum. Ganz so ist es nicht, sagt Robert. Ich habe eben auf dem Friedhof den alten Herrn Schiebeck getroffen, der hat mir erzählt, dass er vorgestern oben im 2. Muttert ein ganzes Büschel schwarzer Haare gefunden hat. Erst hat er gedacht es sei eine weggeworfene Perücke, aber dann hat er es sich näher angesehen und festgestellt, dass die Haare alle lose waren, so wie abgeschnitten. Von Tieren können die nicht sein, sagt er. Aber er hat es auch wieder nicht für so wichtig gehalten, um es zu melden. Er glaubt, dass es sich um Jugendliche handelt, die sich gegenseitig einen Streich gespielt haben und jemanden die Haare abgeschnitten haben. Außerdem kann man bei abgeschnittenen Haaren ja nicht immer gleich auf ein Verbrechen schließen.

So so, sagt Herrchen nachdenklich, irgendjemand scheint hier die Menschen scheibchenweise zu verteilen. Wenn es sich dabei wirklich um die verschwundenen Männer handeln sollte, dann treibt der Mörder hier bei uns im Wald sein Unwesen. Als die beiden sich trennen mahnt er Robert zur Vorsicht. Aber der lacht, ich habe doch Fanko und Du den Wotan, uns wird der schon nicht bekommen. Richtig, denke ich, bevor der sich an meinem Herrchen vergreift, werden dem einige Körperteile fehlen. Ich werde jedenfalls nicht von Herrchens Seite weichen, wenn wir im Wald sind.

Als wir aus dem Wald herauskommen, begegnet uns Ingeborg. Sie ist ganz alleine unterwegs und hat auch einen Korb in der Hand. Oben auf den Pilzen liegt ein langes Küchenmesser. Ingeborg ist eine Schulfreundin von Frauchen und kommt ab und zu schon mal zu uns. Ich kenne sie und begrüße sie daher auch. Sie lacht, Na Wotan, wenn ich nicht wüsste das Du mir nichts tun würdest, dann könnte man schon Angst bekommen, wenn Du so auf einem zukommst und die Pfoten auf die Schulter legst. Ich lecke ihr einmal durchs Gesicht. Während Herrchen sich mit ihr unterhält, habe ich ständig die ganze Umgebung unter Beobachtung. Ich bin jetzt doppelt wachsam. Die beiden unterhalten sich auch über die grausigen Funde. Komisch, sagt Herrchen zu ihr, es sind immer nur Männer die verschwinden. Der Mörder muss einen Hass auf Männer haben. Ja sagt Ingeborg, so etwas soll es geben, nicht jeder Mann hat ein reine Weste. Sie bestellt Frauchen noch schöne Grüße und geht dann in Richtung Muttert.

Abends kommt Klecks mit seinen Leuten vorbei. Nachdem er sich schwer atmend auf die Fliesen vor das Eßzimmerfenster geworfen hat. Seufzt er erschöpft, mein Gott Wotan, was soll ich den jetzt machen. Du kannst Dein Herrchen ja noch beschützen, aber vor mir hat doch kein Mörder Angst. Das würde ich dem auch raten, keift der kleine Schreihals, wenn unserem Herrchen was passiert, kann der sich schon mal einen Zwinger im Tierheim anmieten. Ich werde mein Herrchen zwar auch mit den ganzen Einsatz meiner 20 Kilo verteidigen, aber große Chancen habe ich dabei wohl nicht, seufzt Klecks. Der Arme, er tut mir richtig leid. Vor einem Dobermann nimmt sich selbst der schrecklichste Mörder in Acht, aber vor einen Cocker, hat doch kein Mensch Angst. Gott sei Dank, mache ich keine weiten Spaziergänge mehr in meinem Alter. Deswegen bleiben wir meistens im Dorf und gehen nicht in den Wald rein und das ist gut so, sagt er.

Morgen hat der Kimi Geburtstag, sagt Frauchen später zu mir, als wir beide alleine in meinem Zimmer sind. Wir schmusen jeden Abend noch eine halbe Stunde. Das ist die einzige Zeit des Tages, wo ich mein Frauchen mal ganz alleine für mich habe. Ich habe eine gute Idee, Du wirst ihm sein Geburtstagsgeschenk übergeben, sagt sie voller Vorfreude. Morgen früh hole ich Dich rauf und Du nimmst das Päckchen für den Kimi ins Maul und gibst es ihm. Sie ist ganz begeistert von der Idee und freut sich schon richtig bei der Vorstellung. Oh nein, Frauchen, dass kann nicht Dein Ernst sein. Ich soll diesem kleinen Terroristen auch noch ein Geschenk bringen, das kannst Du nicht ernsthaft von mir verlangen. Irgendwann ist es auch mit meiner Beherrschung vorbei und ich habe ihn doch noch mal so eine mit der Pfote gelangt, dass er zum Tierarzt muss.

Am nächsten Morgen kommt sie dann tatsächlich mit einem Päckchen zu mir. So Wotan, sagt sie, jetzt wallte Deines Amtes. Sie nimmt das Geschenk und will es mir ins Maul schieben. Ich lasse es sofort fallen. Verächtlich gucke ich auf das Päckchen zu meinen Füßen. Nur über meine Leiche, ich bringe diesem Schreihals doch nicht auch noch ein Geschenk. Wir sind im Flur, hinter der Wohnzimmertür höre ich ihn schon wieder schreien. Frauchen versucht sich aufs betteln. Bitte, bitte lieber Schatz, tue mir doch den Gefallen. Ich gucke demonstrativ in die andere Richtung. Frauchen wird hinterlistig, Wotan, wenn Du das für mich tust, dann darfst Du auch am nächsten Sonntag mit auf den Flohmarkt. Ich denke über diesen Handel nach, OK ich nehme das Geschenk ins Maul, mache mit den Pfoten die Wohnzimmertür auf und schmeiße dem kleinen Fettsack das Päckchen vor die Füße. Der ist ganz entzückt, Oh Wotan Du hast ein Geschenk für mich, er springt vom Tisch, wo er natürlich wieder verbotenerweise saß, und reibt seinen Kopf an meinen Vorderpfoten. Das heißt nicht das wir beide jetzt dicke Freunde sind, brumme ich ihn an. Ich habe nur im Auftrag von Frauchen gehandelt.

Herrchen hätte so etwas nie von mir verlangt. Der ist sowieso mehr auf meiner Seite und hat mit dem Schreihals nicht so viel im Sinn. Er sagt auch nie „süßerkleinerdicker" Kimi zu ihm, sondern höchstens mal kleiner Fettsack, dass hört sich bei ihm aber auch nach Kosewort an. Herrchen freut sich jetzt auch, dass ich mich überwunden und mich zu dieser heroischen Tat durchgerungen habe. Brav gemacht Wotan, sagt er und streichelt mich. Ich setzte mich ganz dicht neben ihn und sehe zu wie der Kleine versucht sein Geschenk auszupacken. Er haut mit den Krallen ins Papier und irgendwann hat das Papier verloren und gibt nach. Zum Vorschein kommt eine dicke fette Ratte. Sie sieht aus wie eine lebendige Ratte. Sie hat sogar ein richtiges Fell und einen langen Rattenschwanz. „Süßerkleinerdicker Kimi“ ist ganz begeistert. Freudig stürzt er sich auf sie und schmeißt sie mit seinen Pfoten in die Luft. Na ja, die Ratte wird es nicht lange machen. Die wird den Weg ihrer vielen Mäuse-Vorgänger gehen und irgendwann total ohne Schwanz und ohne Fell im Mülleimer landen, denke ich mir. Das hätte ich hinter mir, hoffentlich hält Frauchen jetzt auch ihr Versprechen.

Heute steht ein großer Bericht in der Zeitung über die Funde im Medenbacher Forst. Herrchen liest ihn beim Frühstück vor. Die Untersuchungen des LKA Wiesbaden ergaben, dass sowohl das männliche Geschlechtsteil, als auch der Daumen zu je einem der verschwundenen männlichen Personen gehören. Es wurden aber noch keine Namen der Opfer veröffentlicht. Tatsache sei jedoch, dass ein Mensch der seinen Daumen verliert, noch ohne ärztliche Behandlung eine Überlebenschance hat, aber wenn, wie in diesem Fall, das Geschlechtsteil mit einem scharfkantigen Gegenstand abgetrennt wurde, dann wird dieser Mensch ohne ärztliche Behandlung in keinem Fall überleben können. Die Anzahl der im Dillkreis verschwundenen Personen sei in den letzten beiden Wochen auf sechs gestiegen. Hiervon wären vier männlichen und zwei weiblichen Geschlechtes gewesen. Es wurden in dem Bericht nochmals alle Bürger dazu aufgerufen, alle Beobachtungen und eventuellen Funde, umgehend der Polizei mitzuteilen bzw. zu übergeben.

Herrchen erzählt Frauchen, nachdem er den Bericht zu Ende gelesen hat, von Roberts gestrigem Gespräch. Das der alte Herr Schiebeck, bündelweise Haare im 2. Muttert gefunden hat. Nach diesem Zeitungsartikel, wird der sich ja auch wohl bei der Polizei melden, sagt Frauchen.

Auf unserem heutigen Spaziergang kann ich nichts Besonderes feststellen. Wir bleiben allerdings auch auf dem 1. Muttert und gehen denselben Weg wieder zurück. Uns begegnen zwei harmlos aussehende Spaziergänger. Als wir zurückkommen, ist die Frau Fitzler bei uns zu Hause, die Ärztin die Omi betreut und gleichzeitig das Frauchen von der Fine ist. Fine ist nie dabei, wenn sie uns besuchen kommt. Die beiden sitzen bei Omi im Wohnzimmer und trinken Kaffee. Sie kennen heute auch nur ein Thema. Es dreht sich um die Unsicherheit und die Angst die zur Zeit bei uns im Dorf durch die Vorkommnisse der letzten Tage überhand nimmt. Die Frau Fitzler sagt, das fast alle Patienten die sie gestern und heute besucht hat von nichts anderem mehr reden. Keiner will mehr freiwillig in den Wald gehen. Mein Aupairmädchen, läuft ja auch immer im Wald rum, sagt sie. Gut dass die unsere Sprache nicht so gut spricht, sonst würde die bestimmt das Haus nicht mehr verlassen. Die ist schon so ein ängstlicher Typ, sie muss wohl in der Vergangenheit schon einiges in Russland erlebt haben. Aber der Mörder hat es ja anscheinend nur auf Männer abgesehen, ihr wird schon nichts passieren. Sagen Sie das nicht, sagt Omi. Selbst wenn der Mörder ihr nichts tut, aber sie kann ja auch einen der schrecklichen Funde machen, die zur Zeit im Wald nur so herum zu liegen scheinen. Ich bin immer froh wenn Wotan und Heinz ohne neue Schreckensnachrichten zurückkommen.

Wie langweilig, ich liege auf dem Teppich und denke wenn alle so denken würden, wie meine Omi, dann würde der Mörder nie gefasst werden. Je mehr Spuren ich habe, um so eher kann ich ihn erwischen.

Die nächsten beiden Tage passiert überhaupt nichts mehr. Die Gemüter scheinen sich wieder zu beruhigen und für mich wird die Spur immer kälter. Es regnet außerdem wieder in Strömen, so dass im Wald alle Gerüche abgewaschen werden und meine Chancen schwinden.

Sonntagnachmittag sitze ich erwartungsvoll im Flur. Heute fahren wir auf den Flohmarkt und ich darf mit. Meine Leine habe ich vorsorglich schon einmal vor mich hin gelegt, damit Frauchen mich auch bestimmt nicht übersieht, wenn die beiden auf den Flohmarkt fahren. Ich habe das vorhin schon mal dem kleinen Fettsack gesteckt. Das hat ihn wieder tief getroffen, zumal er jetzt weiß, dass er daran Schuld ist, weil er Geburtstag gehabt hat. Er hat sich sofort auf dem Sofa zusammengerollt, so dass man nichts mehr von seinem Gesicht sehen konnte und so getan als würde er schlafen. Aber in Wirklichkeit ärgert der sich schwarz, weil der nie irgendwohin mitdarf.

Wir haben Glück und es ist ausnahmsweise einmal trocken. Der Flohmarkt ist gut besucht und wir kämpfen uns durch die Menschenmassen durch. Ich gehe dicht an Herrchens Hosennaht. So ganz wohl fühle ich mich eigentlich nie in so einem Gedränge. Außerdem ist es ziemlich laut. Auf dem Flohmarkt treffen wir Pflugs. Ich freue mich wirklich, habe ich die beiden doch seit Dänemark nicht mehr gesehen. Hallo ihr Drei, sagen sie zu uns, was macht denn der Wotan hier? Frauchen erzählt ihnen warum ich mit durfte. Rudi sagt, mit dem ihm eigenen Humor zu Herrchen: Na Du lebst ja noch, ich dachte in Medenbach laufen nur noch zerstückelte Männer herum. Herrchen lacht, nein, nein, davor wird mich schon der Wotan bewahren, erklärt er. Als ich mir vorstelle, dass mein Herrchen zerstückelt wird, stellt sich mir das Fell und ich knurre leise vor mich hin. Herrchen glaubt, dass ich mich bedroht fühle und hält Ausschau was mich so in Rage versetzt, aber er kann keine anderen Hunde in der Nähe entdecken. Karin sagt, der Udo Pötzsch aus Dillenburg, der ja wohl auch unter den Opfern eures Killers ist, hat angeblich eine Freundin in Medenbach gehabt. Wahrscheinlich wollte er die besuchen, als er seinem Mörder in die Hände fiel. Oh, das ist uns neu, sagt Frauchen. Wer soll das den sein. Keine Ahnung, sagt Karin, wie die heißt weiß ich auch nicht, aber die Polizei kennt den Namen und hat die Frau auch schon verhört. Da muss ich mich mal im Dorf umhören, wer das sein soll, sagt Frauchen. Ich werde gleich heute Abend der Omi den Auftrag geben, das herauszufinden. Als wir zurück sind, verspricht Omi Frauchen sich mal umzuhören, um wenn es sich handeln könnte.

Am nächsten Tag haben Herrchen und Frauchen Urlaub. Wir nutzen das zu einer richtig langen Wanderung. Frauchen hat auch gar keine Angst, weil ich ja dabei bin. Außerdem bin ich als Mörderschreck bekannt, lacht sie zu Herrchen. Wir gehen gleich nach dem Mittagessen los. Das Wetter ist gut, es scheint zwar keine Sonne, aber es ist trocken, genau das richtige Wetter für eine Wanderung, zumindest für mich, dann quält die Sonne mich mit meinem schwarzen Fell nicht so.

Wir gehen wieder über die Gatte in Richtung Langenaubach. Unterwegs sehen wir nicht einen Menschen. Der Wald ist wie ausgestorben. Wir biegen dann von der Gatte ab, in Richtung Donsbach. Lange Zeit gehen wir querfeldein und sehen schon fast die ersten Häuser des Ortes Donsbach. Wir ändern die Richtung und bewegen uns wieder auf Medenbach zu. Kurz bevor wir in den Tiergarten kommen, steht ein alter Bauwagen. Der steht schon ewig da. Schon als ich noch ein ganz kleiner Hund war, habe ich immer dran herum geschnuppert. Es hat immer gut nach Essensresten gerochen. Das tue ich auch heute noch gerne. Ich laufe um das Ding herum und rieche noch den Geruch der Waldarbeiter, die wohl heue Morgen noch hier waren und hier ihr Frühstück zu sich genommen haben.

Ein Stückchen weiter den Weg herunter, fängt ein großer Fichtenwald an. Frauchen kann es nicht lassen und muss noch einmal nach Pilzen suchen. Herrchen sagt, dass hat doch jetzt keinen Zweck mehr, die Zeit der Pilze ist langsam vorbei. Das glaube ich nicht, sagt sie, vielleicht lohnt es sich ja und es gibt noch einmal eine deftige Pilzpfanne. Während Frauchen in dem Wald verschwunden ist, sehe ich auf der anderen Seite des Weges, unterhalb des Hanges Rauch aufsteigen. Ich lege den Kopf in den Nacken und hebe die Nase in die Luft. Weit öffne ich meine Nasenlöcher und ziehe den Geruch ein. Es riecht nach verbranntem Schweinefleisch. Auch Herrchen hat den Rauch bemerkt. Komm Wotan, wir gucken mal, was da brennt. Wahrscheinlich haben die Waldarbeiter heute Morgen ihr Feuer nicht richtig ausgemacht. Wir klettern den Abhang auf der gegenüberliegenden Seite des Waldweges hinunter. Es ist ziemlich steil und Herrchen kommt ganz schön ins rutschen. Als wir näher kommen, sehen wir einen vor sich hin glimmenden Haufen Äste und Laub. Es qualmt gewaltig, weil das Laub und die Äste durch den Regen sehr nass sind. Wir müssen versuchen das Feuer auszukriegen, sonst brennt womöglich noch der ganze Wald, sagt Herrchen zu mir. Er versucht mit den Füßen die Glut auszutreten, aber es ist einfach zu heiß. Ich gehe vorsichtshalber einen Schritt zurück. Über dem Feuer liegen lauter dünne Äste. Herrchen nimmt vorsichtig jeden einzeln herunter und tritt ihn dann auf dem nassen Waldboden aus. Es riecht fürchterlich und mir tränen die Augen. Ich gehe ein paar Schritte zurück und beobachte gespannt das Feuer. Als sich die Äste immer mehr lichten, sehe ich einen großen Knochen aus dem Feuer ragen. Ich versuche mit der Pfote an das Ding zu kommen. Ziehe diese aber schnell wieder zurück. Herrchen ist jetzt auch auf das Teil aufmerksam geworden. Was ist das denn? Er nimmt einen der langen Äste vom Waldboden auf und stochert damit in der Glut herum. Es kommen immer mehr Knochen zum Vorschein. Teilweise ist noch richtig viel Fleisch auf den Knochen. Vorsichtig zieht er mit dem Ast einen der Knochen aus der Glut und legt ihn vor uns ab. Ich wage nicht auch nur den Versuch zu machen, diesen Knochen ins Maul zu nehmen. Wotan, wenn dass, das ist, was ich vermute, dann liegen hier einige der verschwundenen Männer. Mir läuft es kalt den Rücken runter, während ich den Knochen aus sicherer Entfernung beschnuppere. Herrchen ruft laut nach Frauchen. Es dauert eine Weile, dann taucht sie weit über uns am Waldweg auf. Er ruft hinauf, hast Du Dein Handy dabei? Nein, schreit sie zurück, warum, wenn willst Du den jetzt anrufen. Die Polizei, aber ganz schnell sagt er. Ich glaube wir haben ein schreckliche Entdeckung gemacht. Bleib Du lieber da oben. Du musst Dir das nicht ansehen. Als Frauchen begreift, was wir da gefunden haben, wird sie auch ganz weiß im Gesicht. Sie geht schnell ein paar Schritte zurück, und ist damit aus unserm Blickfeld entschwunden. Ich bringe jetzt Wotan zu Dir hoch und Du gehst dann mit ihm nach Hause und rufst von dort die Polizei, ruft Herrchen laut zu ihr hoch, ich warte dann hier, Du kannst ja mit den Polizisten wieder hier herkommen. Wir klettern mühsam den Hang wieder hinauf. Als wir oben bei Frauchen angekommen sind, sagt sie böse, ich lasse Dich hier an so einer unheimlichen Stelle doch nicht allein und ohne Wotan. Entweder Du bleibst mit Wotan hier, oder ich bleibe alleine hier und Du bringst Wotan nach Hause und rufst die Polizei. Sei doch nicht so stur, sagt er zu ihr, mir tut doch keiner was. Aber Frauchen lässt sich nicht auf Diskussionen ein. Also bleibe ich bei Herrchen und Frauchen läuft zurück ins Dorf.

Es dauert ziemlich lange bis wir das Brummen eines Motors hören. Ich habe während der ganzen Zeit mein Herrchen nicht aus den Augen gelassen und sitze mit hochgestellten Ohren neben ihm. Herrchen hat eine Zigarette nach der anderen geraucht.

Es sind diesmal zwei andere Polizisten die mit Frauchen aus dem Polizeiwagen steigen, als beim letzten Mal. Der eine der Polizisten hat ganz kurze Haare und der andere eine Glatze. Mit ernster Miene klettern sie den Hang hinunter. Nachdem sie sich Herrchen vorgestellt haben, sagt der mit den ganz kurzen Haaren, wir haben schon die Spurensicherung verständig, die müssen auch jeden Moment hier sein. Er hat noch ein richtiges Milchgesicht. Sie haben doch hoffentlich nichts mehr angerührt, nachdem sie bemerkt haben was hier verbrannt worden ist, sagt er indem er krampfhaft versucht in die entgegengesetzte Richtung des Feuers zu blicken. Nein, nein ich werde mich hüten, sagt Herrchen, ein bisschen kenne ich mich ja auch aus. Kurze Zeit später, kommen zwei weitere Polizeifahrzeuge und ein Zivilfahrzeug. Aus dem Zivilfahrzeug steigt ein Mann aus. Es fängt jetzt langsam an dunkel zu werden. Die Knochen ragen schaurig aus der Glut heraus, die immer noch vor sich hinschwellt. Der Gestank muss für menschliche Nasen äußerst unangenehm sein. Mir als Hund, macht das nicht so viel aus. Verbranntes Menschenfleisch riecht fast wir angebranntes Schweinefleisch, denke ich mir. Der Mann aus dem Zivilfahrzeug, stellt sich meinen beiden Leuten mit den Worten vor, mein Name ist Husch, ich bin der Einsatzleiter. Er holt einen Block aus seiner Tasche und fragt Herrchen nach seinem Namen und der Anschrift. Nachdem er alles aufgekommen hat, sagt er, sie können jetzt nach Hause gehen. Wir melden uns wieder bei Ihnen.

Omi, weiß schon alles von Frauchen und steht mit kummervoller Miene in der Haustür als wir heimkommen. Oh Gott, sind das wirklich die Leichen der verschwundenen Männer gewesen, will sie von uns wissen. Herrchen erklärt ihr, dass wir das auch noch nicht wissen. Das werden die Ermittlungen der Polizei erst feststellen. Es hat sich wohl mittlerweile im Dorf herumgesprochen, was wir gefunden haben. Ständig klingelt das Telefon bei uns. Omi gibt den Leuten so gut sie kann Auskunft. Irgendwann wird es ihr zu bunt und sie hängt den Hörer aus. Auch unsere Freunde scheinen gehört zu haben, dass wir etwas gefunden haben und Bärbel kommt vorbei. Mich hat vorhin Bianca, die Frau von dem Stefan angerufen, sagt sie. Die war ganz außer sich, weil sie gehört hat, dass Ihr Leichen im Wald gefunden habt. Nein, wir haben nur verbrannte Knochen gefunden aber als Leichen konnte man diese Überreste nicht mehr bezeichnen und ob diese Knochen zu dem Stefan gehört haben, dass kann ihr nur die Polizei sagen, aber wir konnten nichts menschliches mehr daran erkennen, sagt Herrchen.

Bärbel ist sichtlich geschockt, als sie das hört. Oh Gott, dass muss doch ein Verrückter sein, der hier im Wald herumläuft, sagt sie. Wie wird es der armen Bianca den jetzt zumute sein, ich werde heute Abend mal zu ihr gehen. Hoffentlich war das nicht ihr Stefan.

Frauchen hat abends mit Herrchen ein langes Gespräch über diese Vorfälle, sie bittet ihn wenn wir spazieren gehen nicht mehr den Dorfbereich zu verlassen und immer in Nähe der Häuser zu bleiben. Herrchen will davon nichts wissen. Ich habe doch meinen Hund, mir wird schon keiner was tun und außerdem kann ich mich selbst auch noch wehren. Frauchen ist über seine Entscheidung nicht sehr glücklich.

Das kleine dicke fette Katzenmonster muss natürlich auch seinen Senf dazu geben. Klar, nur wegen Dir muss unser Herrchen sich in Gefahr begeben. Wenn Du nicht wärst, dann müsste Herrchen überhaupt nicht da draußen herumlaufen. Wir Katzen sind nun mal pflegeleichter. Wir wollen nicht immer spazieren gehen und wenn mir mal aus Klo müssen, dann benutzen wir dafür unsere Katzentoilette, genau wie die Menschen, die haben auch dafür extra eine Toilette. Ihr Hunde lebt noch im Zeitalter der Wölfe und habt die Evolution noch vor euch. Aber eins sage ich Dir, Pass bloß gut auf ihn auf. Du weiß schon was Dir sonst passiert, sagt er. Ich bin wenig beeindruckt von seinen Drohungen, aber ich weiß natürlich auch von ganz alleine, wo meine Aufgaben liegen, ich werde mein Herrchen nicht aus den Augen lassen.

Abends kommt im Fernsehen in den Nachrichten ein großer Bericht über unseren Fund. Das ganze Dorf wird in Luftbildaufnahme gezeigt, dann wird der Bildausschnitt kleiner und man kann den Tiergarten von oben erkennen. Ein Wust von Fahrzeugen und Menschen wimmelt über das Fernsehbild. Zum Schluss wird noch eine weit entfernte Aufnahme von dem vor sich hin schwellenden Feuer gezeigt. Wir werden nicht namentlich erwähnt. Die Hintergrundstimme im Fernsehen sagt, in den späten Nachmittagsstunden des heutigen Tages, wurde von einem Einwohner des Ortes Medenbach, der mit seinem Hund einen Spaziergang unternahm, im Wald oberhalb des Ortes ein schwellendes Feuer entdeckt. Die alarmierte Polizei fand darin menschliche Überreste. Es wird ein Zusammenhang mit den in den letzten Wochen im Lahn-Dillkreis verschwundenen Personen vermutet. Es werden dann noch die Fotos von vier Männer und zwei Frauen gezeigt. Das war dann auch schon alles. Ich bin etwas enttäuscht, kein Mensch vom Fernsehen der mein Herrchen interviewt hat, keine Reporter die unser Haus belagern. Nichts – wie es sonst im Fernsehen zum Beispiel bei dem Rex wäre.

Da die beiden am nächsten Tag noch Urlaub haben, schlafen wir etwas länger. Als es an der Haustür klingelt, werde ich aus meinen wildesten Träumen herausgerissen. Gerade hatte ich den Mörder von hinten gesehen und war hinter ihm her um ihn zu schnappen. Omi ist schon auf und angezogen, als ich aus meinem Zimmer herausgetapst komme. Vor der Haustür steht die Polizei. Ich alarmiere sofort mit lautem Gebell Herrchen und Frauchen. Frauchen kommt ganz verschlafen die Treppe runter, sie sieht wie Omi die Polizisten in Ihr Wohnzimmer bittet. Schnell verschwindet Frauchen wieder und es dauert aber gar nicht lange bis sie zurückkommt. Sie bittet die Polizisten nach oben. Herrchen hat sich auch schnell angezogen. Ich bin natürlich auch mit hoch gegangen. Frauchen sagt zu den Polizisten, nehmen Sie doch bitte Platz. Ich bin erstaunt, ich muss auch immer Platz bei Frauchen machen, nur zu mir sagt sie nie bitte, sondern immer nur: Platz, Wotan. Aber die Polizisten gehorchen sofort und setzen sich hin. Das sollte sie bei mir auch mal probieren, mit "bitte" würde ich mir das vielleicht überlegen.

Sie kommen auch sofort zur Sache. Es handelt sich um die Entdeckung die Ihr Mann und Ihr Hund am gestrigen späten Nachmittag, gemacht haben, sagt das Milchgesicht den ich bereits von gestern kenne, im linken Ohr blitzt ein Ohrring bei ihm. Der andere ist ziemlich dick und ich sehe ihn heute zum ersten Mal. Er scheint stark zu schwitzen und wischt sich ständig über die Stirn. Ich liege direkt vor ihm. Süßerkleinerrdicker Kimi sitzt natürlich mitten auf dem Eßzimmertisch, um ja alles mitzubekommen. Er tut so als wäre er ausgiebig mit seiner Körperpflege beschäftigt. Angestrengt fährt er mit der Zunge an seiner Pfote entlang um sie sich dann anschließend in Zeitlupentempo und kreisförmigen Bewegungen durchs Gesicht zu ziehen. Aber in Wirklichkeit ist er äußerst konzentriert und es entgeht ihm kein Wort.

Als die Spurensicherung fertig war, haben wir alle Überreste noch gestern Abend mit dem Hubschrauber nach Wiesbaden ins LKA geflogen, sagt der schwitzende Polizist. Er wirft einen ängstlichen Blick auf mich. Ihr Hund tut mir doch nichts, will er von Herrchen wissen. Wenn wir bei Ihnen sind, bestimmt nicht, erklärt Herrchen ihm und ruft mich zu sich. Ich will Eindruck machen und folge sofort. Ich setze mich demonstrativ neben Herrchen und lege meinen Kopf auf seinen Schoß, aber den Blickkontakt zu dem Polizisten halte ich dabei aufrecht. Es steht mittlerweile fest, dass es sich um menschliche, männliche Gliedmasse handelt, sagt das Milchgesicht. Teilweise sind die Überreste jedoch so stark verbrannt, dass eine Identifizierung nur noch über eine DNA-Analyse möglich ist. Aber das kann noch dauern. Fest steht, dass es sich um verschiedene männliche Personen gehandelt haben muss. Es sind insgesamt zwei rechte Beine darunter. Wir müssen also von mindestens zwei Leichen ausgehen. Alle gefundenen Körperglieder, auch der Daumen und das männliche Geschlechtsteil, haben die gleiche Schnittfläche und sind also mit der gleichen Tatwaffe abgetrennt worden. Vermutlich handelt es sich um ein Fleischermesser, wie es in jedem Haushalt vorhanden ist. Ich bemerke wie Frauchen eine Gänsehaut bekommt, nachdem sie das hört. Als Sie das Feuer bemerkten, wie haben Sie sich da verhalten, will der Dicke wissen. Ich habe versucht, dass Feuer mit den Füßen auszutreten, als mir das nicht gelungen ist, habe ich herumliegende Äste zur Hilfe genommen und damit die oberen verkohlten Äste auf dem Feuer entfernt. Mein Hund und ich haben dann gleichzeitig die Knochen entdeckt. Nachdem wir meine Frau von dem Fund verständigt haben, haben wir nichts mehr angerührt.

Sorry - wenn Du das Buch gerne weiterlesen möchtest, dann schicke mir eine Mail, Du erhältst dann schnellstmöglich per Mail-Anhang die ganze Geschichte als Text-Datei.