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Sagen
   
 
 

 
 

Copyright by Birgit Mulflur

Nachstehend drei Kurzgeschichten aus dem Büchlein:

"Medenbacher Sagen und Legenden":

Der Versuch dem Tod von der Schippe zu springen

Wie jeden Morgen kroch Hans um halb Vier aus den Federn. Während er schnell
im stehen ein Brot aß, dachte er hoffentlich schaffe ich es noch pünktlich bis um
6.00 Uhr auf der Arbeit zu sein. Er zog sich seine Jacke über und ging mit schnellen
Schritten los. Hans war ein großer kräftiger Kerl, einLächeln spielte um seine Lippen
als er an den gestrigen Abend dachte, ein Teufelskerl bin ich schon.Die Mädels
waren verrückt nach ihm und heute Morgen würde bestimmt die eine oder andere
in ihrem Bett liegen und von ihm träumen. Jetzt fiel ihm auch wieder sein Traum
von der vergangenen Nacht ein.In Gedankensah er sich wieder tot auf einer Bahre
liegen. Eine Gänsehaut lief ihm den Rücken hinunter. Ach was, dachte er, Träume
sind Schäume. Im nächsten Augenblick hatte er den unerfreulichen Traum auch
schon wieder vergessen und seine gute Laune war wieder da. Leise vor sich hin
pfeifend eilte er weiter. Da kam ihm einer seiner Kumpels vom gestrigen Abend
entgegen. Er blieb bei ihm stehen und sagte, gut das ich Dich treffe, ich habe
nämlich heute Nacht geträumt Du wärest gestorben, deswegen ist es schön Dich
sehr lebendig zu sehen.

Hör auf damit, sagte Hans lachend, dasselbe habe ich auch geträumt. Du weißt doch
auf so etwas kann man nichts geben. Trotzdem, sagte sein Kumpel zu ihm, man soll
so etwas nicht auf die leichteSchulter nehmen. Aber der gutaussehende junge Mann,
lachte ihn laut aus, nehme ich aber, sprach er und ging weiter. Als er ungefähr eine
viertel Stunde weiter mit schnellen Schritten marschiert war, stießen aus einem Seiten-
weg kommend, zwei seiner Arbeitskollegen zu ihm. Wir habe gerade von Dir gesprochen,
sagten sie. So, sagte Hans, hoffentlich nur Gutes. Sie drucksten herum, so gut war daß
auch wieder nicht, sagten die Beiden. Wir haben nämlich alle zwei denselben Traum
gehabt und in jedem dieser Träume lagst Du mausetot auf einer Bahre. Er stutzte
einen Moment und holte tief Luft, Donnerwetter, sagt er, mit Euch beiden sind es jetzt
schon Drei, die mich in der letzten Nacht als Leiche gesehen haben. Abgesehen davon
hatte auch ich heute Nacht diesen Traum, habe es aber nicht Ernst genommen. Als mein
Kumpel mir vorhin über den Weg lief hielt ich es für ein Schauermärchen, aber jetzt
werde ich doch langsam nachdenklich. Ich mache jetzt sofort auf der Stelle kehrt
und gehe nach Hause, dann kann mir nichts mehr passieren. Auf dem Heimweg
dachte er, dem Tod bin ich so wohl gerade noch einmal von der Schippe gesprungen.
Er hatte keinen Gedanken mehr an die hübschen Mädels die verrückt nach ihm waren.
Daheim angekommen schaute er auf die große Schwarzwalduhr mit Ihren schweren
Gewichten, die an der Küchenwand hing. Er dachte, jetzt hätte ich normalerweise
Arbeitsbeginn, aber so kann ich auf der Ofenbank noch ein Stündchen schlafen.
Er schmiß sich auf die Bank und war auf der Stelle wieder eingeschlafen, ohne
noch lange über die Alpträume nachzudenken. Während er tief und fest schlief,
löste sich eines der schweren Gewichte der Schwarzwalduhr und fiel ihm direkt
auf den Kopf.

Er war auf der Stelle tot.

Träume sind eben nicht immer nur Schäume.


Die Engelserscheinung

In früheren Zeiten war es üblich, daß die jungen Burschen Abends in die Nachbarorte
gingen. Manche taten dies um die Mädels dort im Ort zu begutachten und mache
kamen nur eines bestimmten Anlasses wegen. In den meisten kleineren Orten war
es üblich, daß am Wochenende in dem "Dorfgasthaus" eine Musikkapelle zum Tanz
aufspielte.

Besonders aus unserem Nachbarort Langenaubach kamen viele der Jugendlichen
an den Wochenenden zu uns ins Dorf. Die beiden Lokale bei uns im Ort waren dann
immer bis auf den letzten Platz besetzt. Man konnte dort auch sehr gut und billig
essen, dies zog zusätzlich Fremde an.


Eines schönen Tages, es war am Spätnachmittag, traf wieder ein Schwung
Burschen aus Langenaubach in Medenbach ein. Die Männer waren wie immer
in guter Stimmung und ließen sich ihr Essen im Dorfgasthaus schmecken. Als
am späten Abend die Musik aufspielte schwangen sie mit den Mädels aus
Medenbach das Tanzbein. Natürlich wurde in den nächsten Stunden auch
dem Alkohol gehörig zugesprochen. Einer der Langenaubacher Burschen
übertrieb es gehörig. Er war bereits etwas älter als seine Freunde und konnte
jede Menge vertragen. Er unterhielt die Gäste mit seinen flotten Sprüchen,
bis sie vor Lachen brüllten. Durch den Alkohol war seine Zunge gut gelockert
und er tat sich keinerlei Zwang an. Als seine Freunde ihn weit nach Mitternacht
baten, mit ihnen den Heimweg anzutreten, sagte er, ich komme später nach,
ich habe mir gerade nach etwas zu essen bestellt, geht ihr schon mal vor.


Der Weg nach Langenaubach ist weit. Die anderen versuchten vergeblich
ihn umzustimmen. Wenn Du mitten in der Nacht alleine läufst, dann holt Dich
der Butzemann, so scherzten sie. Den laßt nur kommen, ich werde dem schon
Beine machen, lachte er. Wohl oder übel machten sich seine Kumpels ohne ihn
auf den Heimweg. Als die Wirtin ihm seinen Hackbraten brachte, (sie war berühmt
für den besten Hackbraten im Dillkreis) verzehrte er ihn mit gutem Appetit, dazu
trank er noch einige Biere. Kurz nach Eins in der Nacht kam der Nachtwächter

den früher jedes Dorf besaß und bot Polizeistunde (dieses Recht hatte er), daß
hieß das ab sofort Ruhe im Dorf angesagt war und alle Gäste in den Gasthäusern
sich auf dem Heimweg begeben mußten. So blieb dem wackeren Zecher nichts
anderes übrig als auch zu gehen. Von Medenbach bis Langenaubach zu Fuß, dauert
gut und gerne eine Stunde. Der Weg ist lang und in der Nacht besonders dunkel.
Autos gab es zu dieser Zeit kaum und wenn, dann wurden sich ausschließlich zur
Ausübung des Berufes benutzt. So hatte der Arzt, der Metzger und der Bäcker
ein motorisiertes Fahrzeug. Privatautos gab es so gut wie keine.


Von unserem Ort bis Aubach führt der Weg die ersten 5 km steil bergan. Dann
kommt man auf eine Hochplateau das wir Einheimischen " die Gatte" nennen.
Die Gatte ist auch heute noch zum größten Teil eine Heidelandschaft, die besonders
im Herbst wunderschön blüht. Nach etwa zehn Gehminuten, hat man im allgemeinen
die Gatte überquert und kann dann entweder nach links hinunter in Richtung Langen-
aubach oder nach rechts hinab in Richtung Breitscheid gehen.


Unser Freund machte sich also auf den Weg, der Hackbraten, sowie das gute Brot,
das er dazu gegessen hatte, hatten seinen Alkoholspiegel gut gesenkt. Er war in
guter Stimmung aber nicht mehr besoffen, wie vielleicht jetzt mancher denken mag.
Es war eine lauwarme Nacht. Ein Liedchen auf den Lippen vor sich hin pfeifend
marschierte er die Steigung zur Gatte hinauf. Er war glücklich über den gelungenen
Abend und genoß die schöne Landschaft die in milchiges Mondlicht getaucht vor ihm lag.
Auf halber Strecke, kurz bevor er die Steigung zur Gatte geschafft hatte, wurde es
glockenhell um ihn herum. Im ersten Moment dachte er ein anderer Wanderer käme
ihm aus Richtung Breitscheid oder Langenaubach mit einer Stall-Laterne entgegen,
doch er konnte niemanden entdecken. Der Schein wurde immer heller, das Licht
blendete ihn. Plötzlich sah er eine weiße Gestalt auf sich zukommen. Die Erscheinung
fragte ihn: Bist Du ein Kind des Lichtes oder der Finsternis. Während er bebend und
zitternd auf die Knie fiel rief er, ein Kind des Lichtes. Die weiße Gestalt sprach, stehe
auf und wandele hinfort nicht mehr in der Finsternis sondern im Schein des Lichtes.
Dazu zitierte sie einen Spruch aus der Bibel, dessen genauer Wortlaut dem Erzähler
leider nicht bekannt ist. Das höhere Wesen schwebte über ihm, bis er sein Haus in
Langenaubach erreicht hatte. Wie er wirklich heimgekommen war, wußte er später
nicht mehr.


Als am nächsten Morgen seine Angehörige ihn sahen, erschraken sie sich fast zu Tode,
über Nacht war er um Jahre gealtert. Seine ehemaligen schwarze Haarpracht war
schlohweiß geworden. Nach und nach erzählte er ihnen sein Erlebnis. Vierzehn Tage
konnte er nicht aus dem Bett aufstehen. Von Stunde an ging er nicht mehr weltlichen
Dingen nach, sondern stellte sein Leben ganz in den Dienst des Herren.


Der Betroffene hat diese Geschichte einem sehr guten Bekannten von mir erzählt.


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Der Hexer im Dorf


Einst war Nachbarschaftshilfe noch ganz groß angesagt. Jeder half jedem und es
war selbstverständlich, wenn jemand ein Haus oder ein Scheune baute, daß man
mit seinem Pferde- bzw. Kuhwagen bereit war die benötigten Steine, sowie das
ansonsten benötigte Baumaterial vom Bahnhof in Medenbach für den Nachbarn
abzuholen.


Im Dorf wohnte ein älterer Einwohner. Er war schon lange Witwer. Man munkelte
über ihn, daß vieles bei ihm nicht mit rechten Dingen zugehe. Auf eine Frau im Ort
hatte er es besonders abgesehen, sie war ebenfalls verwitwet, lies ihn jedoch
abblitzen. Seine Annäherungsversuche wurden immer dreister. Als er damit nicht
zum Erfolg kam, schwor er ihr Rache.

Eines Tages, als sie Baumaterial mit Ihrem Kuhwagen für einen Nachbarn abholen
wollte, sprach er sie an: Na, wie ist das mit Deinen Kühen, ziehen sie auch noch
richtig? Die angesprochene hatte kein gutes Gefühl, trotzdem antwortete sie i
hm, ich habe mein Fuhrwerk im Schuß, ,meine Kühe hören aufs Wort. Ein zynisches
Lächeln glitt über seine Lippen, nicht mehr lange, sagte er, wenn ich will, gehen
sie keinen Schritt und geben auch keinen Tropfen Milch mehr. Das ist doch nicht
Dein Ernst, Du Halunke, rief sie entsetzt. Und ob, rief er ihr im weggehen zu.

Von diesem Moment an zogen die Kühe nicht mehr. Auch der Versuch sie am
Abend zu melken, scheiterte kläglich. Die Nachbarn sagten zu ihr: Du mußt einen
Hirten rufen, die verstehen sich auf's Vieh. In der heutigen Zeit würde man
vermutlich einen Tierarzt zu Rate ziehen, aber damals wußten die Hirten den
Tieren eigentlich immer zu helfen. Der Hirte untersuchte die Tiere, er runzelte
die Stirn, stieß einen langen Seufzer aus uns meinte dann: Das ist Hexers-Werk,
es muß jemanden geben, der Deine Kühe mit einem Fluch belegt hat. Ich werde
jetzt eine Gegenbeschwörung versuchen und er sprach: Ich befehle Dir hiermit,
den Zauber von Familie und Vieh zu nehmen, Dich sofort zu entfernen und immer
hundert Schritte von den Betroffenen wegzubleiben, dazu schlug er das Kreuz.
Es war danach ein schreckliches Stöhnen in der Luft zu vernehmen.
Den Anwesenden lief ein kalter Schauer über den Rücken. Also war der Betroffene
in der Nähe gewesen. Zu der Frau sagte der Hirte, schlagt immer ein Kreuz,
wenn Ihr ihn aus der Ferne seht. Damit war der Zauberbann gebrochen.


Man hörte nie wieder, daß er sich der Frau oder ihrer Familie auf seine dreckige
und unlautere Art genähert, oder sie belästigt hätte. Da ihn die Beschwörungs-
formel hemmte, suchte er sich einen anderen Platz in unserem Dorf aus. Es
wurde immer geflüstert oder hinter vorgehaltener Hand erzählt: Der kann sich
sogar in ein anderes Wesen verwandeln, sei es nun Tier, Troll oder nur die Gestalt
eines Menschen.


Es war Frühling, da kamen ein paar junge Burschen, sie waren zum Tanzen
im Nachbarort gewesen. Singend zogen sie die Straße des Dorfes entlang.
Es war ein friedlicher und ruhiger Abend, an der Gabelung der Straße trennten
sich ihre Wege. Etliche mußten rechts die anderen links abbiegen. Um sich
für den nächsten Abend zu verabreden blieben sie an der Kreuzung stehen
und unterhielten sich noch etwas. Es war schon spät in der Nacht. Gegenüber
auf der anderen Straßenseite war ein Scheune. Plötzlich fegte fauchend eine
schwarze Katze über die Straße. Mit einem Satz kletterte sie, wie ein Blitz, die
Scheunenwand hoch und verschwand in der Heulucke. Im gleichen Moment
schossen meterhohe Flammen aus der Scheune und die jungen Leute hörten
ein höhnisches und boshaftes Gelächter. Es wurde danach im Dorf erzählt,
daß war die Stimme vom "alten Braun" Die jungen Leute behaupteten ihn
einige Minuten nach dem Ausbruch des Brandes an der Ecke der Scheune
gesehen zu haben. Mit dem Eigentümer der Scheune hatte am Tag zuvor
einen großen Streit vom Zaun gebrochen. Der Scheunenbesitzer hatte ihn
der Hexerei beschuldigt, weil er unglaubliche Dinge, die im Haus des Hexers
vor sich gingen beobachtet hatte. Der Streit fand auf offener Straße statt.
Als der Angeschuldigte merkte, daß einige Leute mitbekamen, wie er der
Hexerei beschuldigt wurde, rief er erbost aus: Das wirst Du mir noch heute Nacht
büßen.


Da ihm jedoch nie etwas nachgewiesen werden konnte, trieb er sein Unwesen
noch lange Jahre. Im Dorf munkelte man, er kann nicht sterben, weil er einen Pakt
mit dem Teufel geschlossen hat. Tatsache ist, daß er uralt wurde, zum Schluß
soll er wie eine Mumie ausgesehen haben.